Hippokrates, der Begründer der wissenschaftlichen Medizin, lehrte schon vor ca. 2500 Jahren: „Eure Lebensmittel sollen Eure Heilmittel sein, Eure Heilmittel sollen Eure Lebensmittel sein.“ Dabei wusste Hippokrates noch nichts über lösliche oder unlösliche Ballaststoffe, Energiedichte, einfach ungesättigte Fettsäuren oder Vitalstoffe. Aber eines wusste er: Menschen, die viele pflanzliche Lebensmittel essen, leben gesünder und länger. Die Frage nach dem „Warum“ ist viele Jahrhunderte, bis ins 19. Jahrhundert, offen geblieben. Ein Meilenstein zur Beantwortung dieser Frage war die Entdeckung des ersten Vitamins im Jahre 1897 (Vitamin B1). Heute kennt man 13 Vitamine (das letzte, Vitamin B12, wurde 1948 entdeckt) und 20 Mineralstoffe. Lange vorher, bereits 1831 wurde der erste sekundäre Pflanzenstoff, das Carotin entdeckt. Carotin, der orange Farbstoff aus Karotte, Kürbis & Co., ist auch der bekannteste Vertreter der sekundären Pflanzenstoffe.
Über 10.000 verschiedene Stoffe
Die sekundären Pflanzenstoffe wurden von der Ernährungswissenschaft lange vernachlässigt. Unzählige Untersuchungen aus den letzten Jahren aber zeigten, wie wichtig diese Stoffe für unsere Gesundheit sind. Sie wirken krebshemmend, antimikrobiell, antioxidativ, blutdruck- und cholesterinsenkend, verdauungsfördernd, stärken das Immunsystem, regulieren den Blutzuckerspiegel u. v. m. Heute kennt man über 10.000 sekundäre Pflanzenstoffe aus unseren Nahrungsmitteln und noch mehr Stoffe aus Kräutern und Heilpflanzen. Aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung werden sie in verschiedene Gruppen zusammengefasst:
Häufig ist auch von Polyphenolen die Rede. Hierzu zählen Flavonoide, Anthocyane, Phenolsäuren und auch die Phytoöstrogene.
Kurzsteckbriefe der einzelnen Gruppen
Carotinoide
Obwohl man bereits mehr als 700 verschiedene Carotinoide kennt, sind nur 40-50 davon für den Menschen von Bedeutung. Sie kommen als Farbstoffe vor allem in farbigen und grünen Gemüsesorten vor. Carotinoide sind gute Antioxidantien und im Speziellen wichtig für die Sehkraft und Gesundheit der Augen. Die bekanntesten Carotinoide sind das orange Betacarotin (z. B. in Möhren) oder das rote Lycopin (z. B. in Tomaten).
Sulfide
Sulfide sind schwefelhaltige Verbindungen, die vor allem in Liliengewächsen wie Knoblauch, Zwiebeln oder Bärlauch (Rams) vorkommen. Sie gelten als krebshemmend, wirken antibakteriell und sind besonders effektive gefäßschützende Substanzen. Der wild wachsende Bärlauch soll übrigens besonders wirkungsvolle Sulfide in Zusammensetzung und Konzentration enthalten.
Flavonoide
Sie sind der Oberbegriff für ca. 7.000 verschiedene Verbindungen, von denen bislang nur wenige näher untersucht wurden. Einigen von ihnen wird eine stark krebshemmende Wirkung zugeschrieben. Es gibt sogar Hinweise, dass Flavonoide zu einer besseren Zellreduzierung führen könnten als Chemotherapeutika. Außerdem wird ihnen ein besonders hohes antioxidatives Potential zugeschrieben, wodurch sie schützend auf die Gefäße einwirken. Flavonoide sind vor allem in der Schale von Obst und Gemüse zu finden, wo sie die Pflanze vor Krankheiten und unerwünschten Eindringlingen wirkungsvoll schützen. Zu den bekanntesten Flavonoiden zählen Quercetin (z. B. in Äpfeln, Grünkohl, Brokkoli) oder das Epicatechin (z. B. in Grünem Tee oder dunkler Schokolade).
Anthocyane
Sie sind in ihrer Struktur den Flavonoiden ähnlich und besitzen auch ähnliche Eigenschaften. Sie wirken stark antioxidativ, gefäßschützend und unterstützen wirkungsvoll das Immunsystem. Anthocyane sind für die Farbe vor allem in dunklen und roten Beeren (Heidelbeeren, Holunderbeeren, Johannisbeeren) verantwortlich.
Phenolsäuren
Ähnlich wie Flavonoide kommen Phenolsäuren vor allem in den Randschichen von pflanzlichen Lebensmitteln vor. Auch sie sind ausgezeichnete Antioxidantien und unterstützen das Immunsystem gegen Mikroorganismen. Untersuchungen haben hier gezeigt, dass Beerenextrakte deutlich wirksamer sind als einzelne Phenolsäuren oder Flavonoide. Phenolsäuren sind vor allem in der Schale von Beeren (u. a. Heidelbeeren, Trauben), in Vollkornprodukten (dort v. a. in der Kleie) zu finden.
Phytoöstrogene
Zu den Phytoöstrogenen zählen Lignane, Coumestane sowie die weitaus prominenteren Isoflavone, die z. B. in Soja enthalten sind. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu den weiblichen Sexualhormonen sollen Isoflavone wechseljahresbedingten Beschwerden entgegenwirken. Ob das wirklich so ist, wird von der Wissenschaft weitgehend bezweifelt.
Saponine
Saponine, ihren Namen verdanken sie dem lateinischen Wort sapo (Seife), besitzen eine immunanregende Wirkung und können die Entstehung von Dickdarmkrebs hemmen. Im Darm binden Sie Gallensäuren und Cholesterin und senken so auf natürliche Weise den Blutcholesterinspiegel. Sie sind vor allem in Hülsenfrüchten (Erbsen, Linsen, Soja, Bohnen), Spinat und Hafer zu finden.
Glucosinolate
Glucosinolate (auch: Senfölglykoside) gelten als hervorragende Appetitanreger, fördern den Gallefluss und besitzen sanft harntreibende Eigenschaften. Bekannt ist auch deren starke antibakterielle Wirkung. In Tierexperimenten sind zudem krebshemmende Eigenschaften nachgewiesen worden. Große Mengen an natürlichen Glucosinolaten sind in Kresse (v.a. Garten-, Brunnen- und Kapuzinerkresse), Senf, Meerrettich, Rettich, Radieschen oder Rucola zu finden. Sie sind dort auch für die typische Schärfe verantwortlich. Ein wichtiger Lieferant ist außerdem Kohlgemüse, allen voran Kohlrabi, Brokkoli, Rosenkohl, Grünkohl, Weiß- oder Blumenkohl.
Monoterpene
Monoterpene (Terpene) sind Hauptbestandteil ätherischer Öle und für deren Geruch und Aroma verantwortlich. Terpene bestimmen den Duft der Schalen von Zitrusfrüchten (z. B. Grapefruit, Zitronen) sowie die unverwechselbaren Gerüche von Anis, Fenchel, Koriander, Basilikum, Kümmel, Ingwer, Pfefferminze, Sellerie und vielen anderen aromatischen Lebensmitteln und Gewürzen. Die wichtigsten Monoterpene: Limonen, Carvon, Menthol oder Geraniol. Monoterpene spielen möglicherweise eine große Rolle in der Vorbeugung und möglicherweise sogar der Behandlung von Brust- und Hautkrebs. Sie wirken zudem
antimikrobiell und unterstützen das Immunsystem gegen Infektionen durch Bakterien, Viren oder Pilze. Übrigens: Die erfrischende und kühlende Wirkung des bekannten Monoterpens Menthol kommt dadurch zustande, dass das Menthol die gleichen Nervenzellen stimuliert, die auch bei Kälte angeregt werden.
Phytosterine
Phytosterine sind cholesterinähnliche Stoffe. Sie können den Cholesterinspiegel senken und wirken möglicherweise Dickdarmkrebs entgegen. Diese Vermutung ist aber nicht wissenschaftlich gesichert. Besonders reich an Phytosterinen sind Sesamsamen und Sonnenblumenkerne, auch Brokkoli, Rosenkohl, Gurken oder Kopfsalat sind gute Quellen.